Todesangst



Todesangst


Dieser Thriller wird im Rahmen eines Experiments produziert, das gerade auf der Webseite von Markus Hermannsdorfer durchgeführt wird. Veröffentlicht wird er am 10. Oktober exklusiv auf Amazon.

Leseprobe:

„Was ist eure größte Angst?“. fragte Kara Keser in die Runde. Er trug keine Abzeichen, an denen sich die Ideen und Vorlieben von Studenten normalerweise ablesen ließen. Niemand konnte beurteilen, ob er die Rettung von Walen unterstützte, Kernkraft verurteilte, vegetarisch aß oder eine bestimmte politische Richtung bevorzugte. Die Zusammenstellung seiner Kleidung verwirrte noch mehr. Abgewetzte Sneaker, altmodische Cordhose, ein langweiliges, graues Hemd, das garantiert noch nie unter einem Bügeleisen gelegen hatte. Darüber eine sündhaft teure Wildlederjacke von Abercrombie & Fitch.
„Warum sollte ich vor irgendetwas Angst haben?“, wappnete sich Jasmin Serbenaz für ihren Gegenangriff. Auf sie wirkten Kesers oft verabscheuungswürdige Bemerkungen wie das rote Tuch auf den Stier. Beide besuchten die gleichen Vorlesungen und wenn sie aufeinander losgingen und gegenseitig ihre Argumente verhackstückten, lehnte sich Deniz Tarek gewöhnlich zurück, um das Schauspiel zu genießen. Für Keser war Jasmin eine pathologische Optimistin.
„Wen juckt es schon, wenn du dich vor deinem eigenen Schatten fürchtest?“, sagte sie. „Mich jedenfalls nicht. Ich fühle mich bestens.“ Dafür hatte hatte Jasmin gute Gründe vorzuweisen. Sie war ein fleischgewordener feuchter Traum, aber gleichzeitig so forsch und intelligent, dass die meisten Studenten nicht einmal ansatzweise versuchten sie anzumachen. 
Für Kara Keser galt das natürlich nicht. Dieser Kerl hatte bisher noch jedes Mädchen, das er wollte flach gelegt und natürlich kursierte an der Uni schon eine ganze Weile das Gerücht, dass er Jasmin auf seiner Liste abgehakt hatte.
„Hin und wieder bekommt jeder von uns seine größte Angst, das richtig tiefe Grauen zu schmecken“, entgegnete Keser. Mit klarem Blick musterte er eindringlich ihr Gesicht, lauerte auf ihr weiteres Verhalten und bemühte sich, wie Deniz wusste, eine Schwachstelle in ihrer Überzeugung zu finden. 
„Aber ich nicht“, sagte Jasmin.
„Keine Ängste? Keine Schreckensbilder?“, nahm Keser sie ins Kreuzverhör.
„Nicht die Spur. Komme aus einer intakten Familie und habe keine einzige Leiche im Keller. Und ich esse kein Fleisch. So muss ich kein mieses Gefühl haben, wenn ich an einem Schlachthaus vorbeifahre oder von qualvollen Tiertransporten und abgeschlachteten Robben höre. Natürlich würde ich auch nie Pelz tragen. Bedeutet das jetzt, dass ich eine Macke habe? Oder dass ich nach deiner Definition gar nicht existiere?“
Kesers Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Es bedeutet, dass dein Selbstvertrauen versucht etwas Großes zu vertuschen. Etwas, das tief in deinem Inneren begraben liegt.“
Jasmin seufzte. „Womit wir uns wieder mal erfolgreich im Kreis gedreht haben und bei den Schreckgespenstern gelandet sind.“
„Sehr großen Schreckgespenstern“, entgegnete Keser.
„Jetzt rede nicht schon wieder um den heißen Brei herum“, forderte Jasmin. „Beschreib endlich genau, worum es dir geht.“
„Wie soll ich dir sagen, wovor du dich fürchtest?“, fragte Keser.
„Dann sag doch einfach, wovor du dich fürchtest. Lass die Hosen runter!“
Deniz verbiss sich ein Grinsen. Nur ein Typ wie Keser brachte es zu Stande von einer Granate wie Jasmin dazu aufgefordert zu werden die Hosen herunterzulassen. Nur die blanke Vorstellung ließ sein bestes Stück anschwellen. In solchen Fällen half nur eines: An Leyla denken, mit der er seit zwei Jahren zusammen war.
„Also schön“, sagte Keser. „Wenn ihr es unbedingt wissen wollt, mein Schreckgespenst ist ein Clown mit einer Axt.“
Die anderen sahen ihn fragend an.
„Als ich sechs oder sieben Jahre alt war“, erklärte Keser, „zeigte mir mein Bruder einen Horrorfilm. Er war grauenhaft, abartig. Und doch irgendwie faszinierend. In dem Film hatte der Killer eine richtig fiese Clownmaske auf. Er brach nachts in Häuser ein und brachte die Leute mit seiner Axt um. Von dem Film hatte ich monatelang Albträume. Oft wachte ich mitten in der Nacht auf, weil ich das Gefühl hatte, dass jemand in meinem Zimmer oder unter dem Bett war. Und wenn ich irgendwelche Geräusche hörte, war ich mir sicher, dass mich der Clown holen kommt.“
„Posttraumatischen Stress nennt man so etwas“, sagte Jasmin. „Und dein Bruder ist ein echtes Arschloch. Einem kleinen Kind so einen Film zu zeigen. Wie kann man nur so unverantwortlich sein?“
Eine Weile sagte niemand etwas. Bis Keser den Faden wieder aufnahm. „Was ist mit dir, Deniz? Wovor hast du Angst?“
Deniz kaute auf seinen Lippen und überlegte. „Also, wenn ich so nachdenke… Ich habe immer noch Angst davor in der Öffentlichkeit zu sprechen. Im Gymnasium konnte ich kein Referat halten, ohne dabei möglicherweise ohnmächtig zu werden. Ich brachte kein Wort heraus und schon beim Gedanken daran bekam ich das kalte Grausen. Monatelang musste ich wegen dieser Sache zum Schulpsychologen. Der hat alles mögliche versucht. Hat jede meiner Nervenzellen einzeln unter die Lupe genommen, mir Prozac, Ritalin und alles mögliche verschrieben und haufenweise Tests gemacht. Ganz heilen konnte er mich nie. Ich schaffe es zwar hier, meine Referate einigermaßen durchzukriegen ohne dabei in Ohnmacht zu fallen, bin danach aber jedes Mal fix und fertig.“
„Lampenfieber?“, fragte Jasmin.
„Mit Sicherheit“, sagte Keser. „Aber Lampenfieber ist nur ein Symptom, nicht die eigentliche Krankheit. Hinter seiner Angst muss etwas anderes stecken. Ein tiefer sitzendes Grauen, das dieses Lampenfieber auslöst.“
„Warum interessiert dich dieser Scheiß eigentlich so sehr?“, fragte Deniz.
Keser zog eine Packung billige Zigaretten heraus. Wieder so etwas, mit dem er aus der Reihe tanzte. An der Uni rauchten die Leute Marlboro, Lucky Strike oder gar nicht. 
„Weil die uns hier einen Scheiß beibringen“, sagte Keser mit unverhohlener Missachtung. „Was wir hier lernen, ist nicht die wahre Philosophie. Ein bisschen Plato hier, ein bisschen Schumpeter da. Keine wirkliche Analyse. Was wir vorgesetzt kriegen, sieht zwar so aus und hat alle spezifischen Merkmale, ist aber trotzdem Schrott. Die wahre Bestie kriegen wir nie zu Gesicht. Es hat höchstens etwas vom Geruch der Bestie.“
„Welcher Bestie?“, fragte Deniz.
„Die Philosophie. Die wahre Philosophie. Sie ist eine echte Bestie. Findest ihr nicht auch?“
Jasmin grinste spöttisch. „Na dann haben wir dein Schreckgespenst ja gefunden. Die nächste Philosophie-Vorlesung.“
Deniz sprang ihr zur Seite. „Findest du diese Darstellung nicht arg übertrieben?“
„Keineswegs“, sagte Keser ernst. „Sie ist wild. Und sie beißt.“ Er setzte ein wölfisches Grinsen auf. Diese Metapher gefiel ihm. „Beißt“, fügte er hinzu, um sie noch einmal zu bekräftigen.
Er ließ seine Worte ein paar Sekunden wirken.
„Würden wir uns der Bestie wirklich stellen, müssten wir uns nach jeder Vorlesung zerkratzt und zerfleischt vorkommen“, fuhr Keser fort. Das war eine seiner Lieblingsmetaphern. Verstümmelung durch Bildung. „Fürchten sollten wir uns, weil wir mit den Ideen, über die wir eigentlich ernsthaft reden sollten, bestenfalls herumjonglieren.“
„Wie meinst du das?, fragte Jasmin. 
„Wären wir Philosophen, die den Namen tatsächlich verdienen, würden wir uns keine akademischen Mätzchen leisten. Wir würden uns nicht mit Wischiwaschi-Semantik begnügen, uns keine Nettigkeiten an den Kopf werfen und keine linguistischen Tricks anwenden, um die wirklichen Belange zu verdecken.“
„Sondern?“ fragte Deniz.
Wieder verengten sich Kesers Augen zu Schlitzen. Sein Grinsen wirkte dadurch noch wölfischer. „Heranrücken sollten wir an die Bestie. So nah wie möglich. Uns nach ihr ausstrecken. Sie fühlen, sie berühren, sie melken und versuchen, sie zu verstehen.“
Wieder entstand eine stille Pause. Die seltsamen Worte schwebten im Raum. 
Das war kurz bevor er seine abartigen Experimente begann.

"Todesangst" ist selbstverständlich ein echter Corey Landis und wird in etwa den Härtegrad von "Schafe und Wölfe" erreichen. Mehr verraten wir an dieser Stelle nicht, weil dadurch das Ergebnis des Experiments beeinflusst werden könnte.

Vorbestellen könnt ihr diesen Thriller bei Amazon

  

Markus Hermannsdorfer

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